Am 15. November 2014 wurde die 22-jährige Lehramtsstudentin Tuğçe Albayrak vor einem Schnellrestaurant in Offenbach am Main niedergeschlagen. Sie stürzte mit dem Hinterkopf auf den Boden und erlitt tödliche Verletzungen. Am 28. November, ihrem 23. Geburtstag, wurden die lebenserhaltenden Maßnahmen beendet. Ihr Tod bewegte Deutschland. Doch zwischen dem tatsächlichen Geschehen, der öffentlichen Erzählung und der Erinnerung an den Menschen Tuğçe Albayrak muss sorgfältig unterschieden werden.
Eine Tochter, Schwester, Freundin und angehende Lehrerin
Tuğçe Albayrak wurde am 28. November 1991 in Bad Soden-Salmünster geboren. Sie war die jüngste und einzige Tochter ihrer Familie und wuchs mit mehreren Brüdern auf. Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld beschrieben sie als lebensfroh, aufmerksam und großzügig. Nach der Darstellung des später von ihrer Familie mitgegründeten Tuğçe Albayrak e. V. bereitete sie anderen gern kleine Freuden und schenkte mitunter eigene Sachen weiter, ohne dafür einen besonderen Anlass zu benötigen.
Bereits als Kind tanzte sie Ballett. Später interessierte sie sich unter anderem für Musik, Fotografie und das Backen. Sie spielte Klavier und trat nach Angaben ihrer Familie bei Familienfeiern und bei ihrem Abschlussball auf. Solche Einzelheiten wirken neben einem aufsehenerregenden Kriminalfall vielleicht nebensächlich. Für einen Erinnerungsartikel sind sie das nicht. Sie zeigen einen Menschen, dessen Leben aus weit mehr bestand als aus den letzten Minuten vor einer Gewalttat.
Seit dem Wintersemester 2012/2013 studierte Tuğçe Albayrak an der Justus-Liebig-Universität Gießen für das Lehramt. Die Universität erinnerte später an sie als engagiertes und bei Studenten sowie Lehrenden beliebtes Mitglied der Hochschulgemeinschaft. Sie wollte Lehrerin werden. Dazu kam es nicht mehr.
Die Nacht vom 14. auf den 15. November 2014
In der Nacht vom 14. auf den 15. November 2014 hielt sich Tuğçe Albayrak mit Freunden in einer McDonald’s-Filiale am Offenbacher Kaiserlei auf. Im Toilettenbereich des Restaurants kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen einer Gruppe junger Männer und zwei damals 13-jährigen Mädchen. Nach der späteren Anklage bemerkte Tuğçe die Situation und forderte die jungen Männer auf, den Bereich zu verlassen.
An dieser Stelle beginnen bereits die Unterschiede zwischen belegbarem Tatgeschehen und der stark vereinfachten öffentlichen Erzählung.
In vielen frühen Berichten hieß es, Tuğçe habe zwei Mädchen vor einer akuten sexuellen Belästigung oder einem unmittelbar bevorstehenden Angriff gerettet. Das Gerichtsverfahren konnte das Geschehen im Toilettenbereich jedoch nicht in sämtlichen Einzelheiten eindeutig rekonstruieren. Zeugenaussagen widersprachen sich teilweise. Daher sollte nicht behauptet werden, jeder Bestandteil der später verbreiteten Heldenerzählung sei gerichtlich festgestellt worden.
Belegt ist jedoch, dass Tuğçe sich in die Situation einmischte und zugunsten der beiden jüngeren Mädchen eingriff. Auch die Justus-Liebig-Universität hielt bei der späteren Einweihung ihres Gedenksteins fest, dass sie sich für andere eingesetzt hatte, bevor sie selbst Opfer der Gewalt wurde.
Der Streit verlagerte sich später auf den Parkplatz. Eine Überwachungskamera zeichnete die dortige Auseinandersetzung ohne Ton auf. Die Bilder zeigen, wie ein junger Mann auf Tuğçe zuläuft, während ein Begleiter versucht, ihn zurückzuhalten. Der Angreifer schlug Tuğçe ins Gesicht. Sie fiel ungebremst rückwärts und schlug mit dem Hinterkopf auf dem Asphalt auf.
Dieser eine Schlag und der folgende Sturz veränderten innerhalb weniger Sekunden das Leben einer ganzen Familie.
Zwei Wochen zwischen Hoffnung und Abschied
Tuğçe verlor nach dem Sturz das Bewusstsein. Sie wurde medizinisch behandelt, erwachte jedoch nicht mehr aus dem Koma. Ihre Verletzungen waren so schwer, dass später der Hirntod festgestellt wurde. Am 28. November 2014, ihrem 23. Geburtstag, wurden die lebenserhaltenden Maßnahmen beendet.
Die Entscheidung ihrer Angehörigen fiel unter Bedingungen, die sich Außenstehende kaum vorstellen können: Während öffentlich bereits über Mut, Zivilcourage, Schuld und Bestrafung diskutiert wurde, musste eine Familie Abschied von ihrer Tochter und Schwester nehmen.
Tuğçe wurde am 3. Dezember 2014 in Bad Soden-Salmünster beigesetzt. Hunderte Menschen nahmen Abschied. Bundespräsident Joachim Gauck hatte den Eltern zuvor in einem Kondolenzschreiben seine Anteilnahme ausgesprochen und Tuğçes Einsatz für andere gewürdigt.
Das Strafverfahren
Der zur Tatzeit 18-jährige Angreifer musste sich vor dem Landgericht Darmstadt verantworten. Er räumte ein, Tuğçe geschlagen zu haben. Das Gericht ging jedoch nicht davon aus, dass er ihren Tod beabsichtigt hatte. Es verurteilte ihn am 16. Juni 2015 nach Jugendstrafrecht wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu drei Jahren Haft.
Die Verteidigung legte Revision ein. Der Bundesgerichtshof verwarf sie im Januar 2016. Damit wurde das Urteil rechtskräftig.
Nach Verbüßung eines wesentlichen Teils der Jugendstrafe wurde der Täter 2017 nach Serbien abgeschoben. Die ausländerrechtliche Entscheidung war Gegenstand weiterer gerichtlicher Verfahren und wurde vom Hessischen Verwaltungsgerichtshof bestätigt.
Wie aus Tuğçe ein Symbol wurde
Bereits während Tuğçe im Krankenhaus lag, entwickelte sich eine außergewöhnlich intensive öffentliche Anteilnahme. Menschen versammelten sich zu Mahnwachen, entzündeten Kerzen und verbreiteten ihr Foto in sozialen Netzwerken. Eine Petition verlangte, ihr posthum das Bundesverdienstkreuz zu verleihen. Politiker bezeichneten sie als Vorbild für Zivilcourage.
Diese Anteilnahme war Ausdruck ehrlicher Trauer und des Wunsches, ein selbstloses Eingreifen zu würdigen. Zugleich entstand sehr früh eine stark vereinfachte Geschichte: hier die vollkommen uneigennützige Heldin, dort der eindeutig als Ungeheuer beschriebene Täter.
Das Strafgericht kritisierte später Teile dieser Berichterstattung. Insbesondere die Veröffentlichung von Ausschnitten der polizeilich nicht freigegebenen Videoaufzeichnung war problematisch. Ermittler befürchteten, Zeugen könnten ihre Erinnerungen nachträglich an öffentlich gezeigte Bilder und mediale Deutungen anpassen. Die öffentliche Vorverurteilung des Beschuldigten wurde ebenfalls im Prozess thematisiert.
Eine sachliche Darstellung muss deshalb zwei Gedanken gleichzeitig aushalten, eine Fähigkeit, die öffentliche Debatten offenbar regelmäßig überfordert:
Tuğçe setzte sich für andere ein und wurde anschließend Opfer eines rechtswidrigen, tödlich endenden Angriffs. Gleichzeitig konnte nicht jeder Einzelaspekt der früh verbreiteten Rettungsgeschichte gerichtlich zweifelsfrei bestätigt werden.
Diese Einschränkung schmälert weder ihren Wert als Mensch noch die Bedeutung ihres Eingreifens. Zivilcourage verlangt keine nachträglich makellos geschriebene Heldengeschichte. Sie beginnt dort, wo ein Mensch nicht einfach weitergeht, wenn andere möglicherweise Unterstützung benötigen.
Erinnerung an der Universität
Im Jahr 2015 weihte die Justus-Liebig-Universität am Philosophikum I einen Gedenkstein für Tuğçe ein. Der Ort wurde bewusst dort gewählt, wo sie studiert hatte. Er sollte nicht nur an ihre gewaltsamen letzten Stunden erinnern, sondern auch an die Studentin, die zur universitären Gemeinschaft gehört hatte.
Die Universität beschrieb sie als couragiert, engagiert und beliebt. Ihr Gedenkort lädt dazu ein, über das eigene Verhalten in Konfliktsituationen nachzudenken. Dabei geht es nicht darum, sich unüberlegt selbst in Gefahr zu bringen. Zivilcourage kann ebenso bedeuten, Hilfe zu organisieren, weitere Menschen anzusprechen, den Notruf zu verständigen, als Zeuge zur Verfügung zu stehen oder eine Situation aus sicherer Entfernung zu dokumentieren.
Was ihre Familie aus der Erinnerung machte
Tuğçes Angehörige wollten es nicht bei Gedenkveranstaltungen und symbolischen Würdigungen belassen. Der nach ihr benannte Verein arbeitet Jahre nach ihrem Tod mit Kindern und Jugendlichen. In Theater- und Bildungsprojekten werden Konfliktsituationen nachgestellt und gewaltfreie Handlungsmöglichkeiten eingeübt.
Dabei steht nicht die Vorstellung im Mittelpunkt, jeder müsse sich körperlich zwischen gewaltbereite Menschen stellen. Vielmehr sollen junge Menschen lernen, Gefahren zu erkennen, Verantwortung zu übernehmen und trotzdem die eigene Sicherheit zu beachten.
Tuğçes Bruder Doğuş Albayrak erklärte zehn Jahre nach ihrem Tod, die Familie habe versucht, aus dem Schmerz etwas Konstruktives entstehen zu lassen, damit die Gesellschaft aus den Geschehnissen lerne. Der Verein plant zudem ein Zentrum für Zivilcourage.
Damit wurde aus der Erinnerung eine praktische Arbeit, die möglicherweise verhindert, dass Konflikte erneut so enden.
Der Mensch hinter dem Symbol
Tuğçe Albayrak wurde häufig als „Heldin“, „Ikone“ oder „Symbolfigur“ bezeichnet. Solche Begriffe können Anerkennung ausdrücken. Sie können einen Menschen aber auch unter einer öffentlichen Bedeutung begraben.
Tuğçe war nicht für die Rolle eines Symbols geboren worden. Sie war eine junge Frau mit Familie, Freunden, Interessen und beruflichen Plänen. Sie spielte Klavier, fotografierte, tanzte, studierte und wollte unterrichten. Am Ende ihres Lebens traf sie auf einen jungen Mann, der seine Wut nicht beherrschte und mit einem einzigen Schlag eine tödliche Folge auslöste.
Der Täter wurde verurteilt. Die strafrechtliche Aufarbeitung wurde abgeschlossen. Für die Familie endete der Fall damit nicht.
Erinnerung bedeutet deshalb nicht, Tuğçe auf einen dramatischen Moment zu reduzieren. Sie bedeutet, ihr das zurückzugeben, was Kriminalberichterstattung ihren Opfern regelmäßig nimmt: ein Leben vor der Tat, eine eigene Persönlichkeit und einen Platz in der Geschichte, der nicht dem Täter gehört.
Was bleibt
Tuğçe Albayrak wurde nur 23 Jahre alt. Sie konnte ihr Studium nicht beenden und niemals als Lehrerin vor einer eigenen Klasse stehen.
Geblieben sind die Erinnerungen ihrer Angehörigen und Freunde. Geblieben sind ein Gedenkstein an ihrer Universität, ein nach ihr benannter Verein und Bildungsangebote, die jungen Menschen zeigen sollen, wie sie anderen helfen können, ohne Gewalt weiter eskalieren zu lassen.
Vor allem bleibt die Erkenntnis, dass Zivilcourage nicht erst durch eine perfekte Heldenerzählung wertvoll wird. Tuğçe sah eine Situation, in der jüngere Menschen möglicherweise Unterstützung benötigten, und mischte sich ein. Später traf sie ein Schlag, dessen Folgen niemand mehr rückgängig machen konnte.
Tuğçe Albayrak war hier. Sie hatte Pläne. Sie wurde geliebt. Und sie fehlt.



















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