"GIESSEN - Einzig schwarze Rußspuren über einem der Fenster in der ersten Etage zeugen in der Krofdorfer Straße noch vom Familiendrama, das hier am Dienstagmorgen gegen acht Uhr für einen Großeinsatz von Feuerwehr, Polizei und Rettungsdiensten gesorgt hatte. "Auf dem Weg zur Arbeit sah ich, wie mehrere Personen in Rettungswagen und auf Liegen medizinisch behandelt wurden. Es war ein schlimmer Anblick", erzählt Stunden später eine "um die Ecke" wohnende junge Frau im Gespräch mit dem Anzeiger.

Doch was war passiert? Laut einer gemeinsamen Meldung von Polizei und Staatsanwaltschaft hatte ein 36-jähriger, aus Syrien stammender Mann sowohl seine 31 Jahre alte Ehefrau als auch drei seiner vier Kinder - 7, 6 und 3 Jahre sowie ein erst im Juni geborener Säugling - mit einem Messer teils mehrfach am Oberkörper verletzt. Darüber hinaus entzündete er in der Wohnung an mehreren Stellen ein Feuer. Beim anschließenden Fluchtversuch stürzte der Vater offenbar aus dem Fenster, wobei er sich schwere Verletzungen zuzog. Als Hintergrund der Tat werden psychische Probleme des Mannes vermutet. Es handele sich jedenfalls nicht um einen "klassischen Familienkonflikt", ließ Staatsanwalt Thomas Hauburger, Pressesprecher der Strafverfolgungsbehörde, auf Nachfrage durchblicken. Die Staatsanwaltschaft prüft nun einen Antrag auf Erlass eines Haftbefehls wegen des dringenden Verdachts des versuchten Mordes, der gefährlichen Körperverletzung sowie der schweren Brandstiftung.

Die Mutter und alle vier Kinder - von denen man eines mit einem auf der Sachsenhäuser Brücke gelandeten Rettungshubschrauber in eine Marburger Klinik brachte - wurden ins Krankenhaus eingeliefert. Zwar bestehe für keinen von ihnen Lebensgefahr, jedoch hätten sich die Verletzungen schwerer als zunächst angenommen erwiesen, teilen die Behörden mit. So erlitten sie teils mehrere Stich- und Schnittwunden sowie eine Rauchgasvergiftung. Der beschuldigte Vater musste intensivmedizinisch behandelt werden und war am Dienstag noch nicht vernehmungsfähig. Für etwaige Suizid-Absichten seien bislang jedoch keine Hinweise gefunden worden, lassen die Ermittler, welche die vermutliche Tatwaffe sichergestellt haben, wissen. Da die Feuerwehr schnell vor Ort war, konnten die Verletzten trotz erheblicher Rauchentwicklung rasch aus der Wohnung geborgen werden. Das Feuer wurde schnell eingedämmt, andere Mieter und Wohnungen wurden bis auf den Rauch nicht in Mitleidenschaft gezogen. Der entstandene Sachschaden wird auf eine höhere fünfstellige Summe geschätzt.

Obwohl die Krofdorfer Straße für Rettungseinsatz und Spurensuche längere Zeit komplett gesperrt war, wissen zur Mittagszeit nur wenige Passanten von der Familientragödie. Manche schauen beim Vorbeigehen neugierig nach oben und scheinen sich zu fragen, was die Rußspuren auf der Außenfassade zu bedeuten haben. Andere, insbesondere Nachbarn, möchten sich nicht äußern. Wenngleich man einigen den Schock über die schlimmen Geschehnisse quasi vor der eigenen Haustür anmerkt. "Wir kennen die Familie nicht, aber wir fühlen mit ihnen, vor allem mit den verletzten Kindern", betont eine Mutter und blickt auf ihre Tochter im Kinderwagen, die etwa im gleichen Alter wie die Betroffenen ist. Sie hätten im Internet von der Tat gelesen, ergänzt die Großmutter, bevor die drei nach einem weiteren Blick hoch zu den Wohnungsfenstern weitergehen.

Eine Frau, die mit einem elektrisch angetriebenen Rollstuhl unterwegs ist, hatte dagegen bis zur Begegnung mit dem Anzeiger-Reporter noch nichts von dem Drama gehört. "Weil die Straße heute Morgen gesperrt war, bin ich durch die Schützenstraße gefahren", erzählt sie. Und zeigt sich, wie auch andere bis dahin nicht informierte Passanten, tief bestürzt über die Familientragödie."

Originalauszug der Lokalzeitung Giessener-Anzeiger: Tiefe Bestürzung über Familiendrama in Krofdorfer Straße in Gießen
Autor: Frank-O. Docter

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